Never waste a crisis!

Wir hatten die Begegnung mit uns selbst aufgeschoben. Nun erklingt aufs Neue die grundlegende Vibration unserer Existenz. 

Felwine Sarr, Süddeutsche Zeitung vom 14.4.2020 nachzulesen unter https://sz.de/1.4875023

Als ich 1985 im Psychologiestudium in London anlässlich eines Vortrags von Garmezy aus Chicago das erste Mal von Resilienz als psychologischem Konstrukt hörte, war ich ganz begeistert. Endlich, so schien mir, fing die Psychologie an, protektive Faktoren zu erforschen! Die Frage, die sich Garmezy und seine KollegInnen damals stellten: was macht es möglich, dass eine bestimmte – gar nicht so geringe – Anzahl von Kindern es schafft, trotz extrem negativer Ausgangsbedingungen ein erfolgreiches, zufriedenes Leben zu führen?

Der Begriff der Resilienz ist vielen von uns bekannt. Er bezeichnet die Fähigkeit von Individuen, nach traumatischen Erlebnissen wieder zu Stabilität und Ausgeglichenheit zu gelangen.

Resilienz, nicht zuletzt in Paarbeziehungen, ist für mich immer noch ein gewinnbringendes Konstrukt mit therapeutischem Mehrwert. Wenn ich Klienten frage, was ihnen geholfen hat, nach früheren Krisen wieder zu Stabilität und Zufriedenheit zu finden, öffnet sich in der Regel ein Gesprächsraum, in dem Kompetenzen und Ressourcen exploriert werden können.

Ein Konzept ist jedoch nie so gut, dass es nicht noch durch ein weiteres interessantes ergänzt oder ersetzt werden kann. Dem Resilienzmodell quasi zugeschaltet wurde das Modell des Posttraumatischen Wachstums oder der Posttraumatischen Reifung von Tedeschi und Calhoun. Der Unterschied zum Resilienzkonstrukt ist: postraumatisches Wachstum beschreibt einen Zugewinn an Fähigkeiten und Einsichten und nicht lediglich die Abwesenheit negativer Belastungsfolgen.

Was bedeutet das für Paare?

Paaren, die miteinander erleben wollen, dass sie die Krise stärker macht, möchte ich empfehlen, sich gemeinsam folgenden Fragen zuzuwenden.

  • Welche Stärken in unserer Beziehung erleben wir aktuell als besonders wichtig?
  • Welche neuen Möglichkeiten haben wir durch die aktuelle Situation miteinander entdeckt?
  • Was wollen wir von dem, was wir jetzt miteinander lernen, auch nach der Krise beibehalten?
  • Wofür sind wir im Moment besonders dankbar?
  • Welche Aspekte der aktuellen Krise regen uns an, über einen existenzielle Fragen unseres Daseins nachzudenken?

Und noch zwei Anmerkungen. Zum einen möchte ich betonen, dass ich nicht meine, der jetzige Zustand stelle für die meisten Menschen hier ein Trauma im klinischen Sinn dar. Zweitens: wenn Sie null Bock auf Wachstum haben, und es völlig ausreichend finden, sich einfach nur durchzuwurschteln, ist das natürlich auch völlig in Ordnung (mein nächster Beitrag hier wird sich explizit dem Thema durchwurschteln widmen).