Detailaufnahme des Regals und einer Box aus der Praxis für Paartherapie Julia Bellabarba, Berlin

Paar-Geschichten: Oleg und Omar

In diesem Blog veröffentliche ich Geschichten von Paaren, die ihre Krisen hatten, ihre Enttäuschungen und Verletzungen erlebt haben, und trotzdem zusammenhalten. Es sind Geschichten, die ich in meinem privaten Umfeld sammle. Die Protagonisten sind mit der Veröffentlichung einverstanden.

Oleg (48) und Omar (50) sind seit 28 Jahren zusammen.

Oleg hat mir die Geschichte ihrer Beziehung so erzählt:

„Ich komme aus Russland, wir sind Juden. Als ich 16 war, sind meine Eltern mit mir nach Deutschland ausgewandert, unter Anderem auch aus Angst vor der Armee. Meine Eltern waren von Anfang an aktiv in der jüdischen Gemeinde, und ich wurde dort von allen sehr herzlich empfangen. Ich bin mit Mädchen ausgegangen, wusste aber immer, dass ich mit Frauen keine sexuelle Beziehung haben wollte. Dass ich homosexuell bin, habe ich damals nicht wahrhaben wollen. Omar habe ich an der Uni kennengelernt, und ich kann sagen, für mich war es Liebe auf den ersten Blick. Ich fand ihn umwerfend attraktiv und charmant. Wir sind uns immer wieder in der Mensa begegnet, manchmal setzte er sich zu mir an den Tisch, guckte mich fragend und mit etwas spöttischem Blick an, sagte ein paar Sätze und verschwand wieder.

Irgendwann bei einer Party von Kommilitonen stand er plötzlich neben mir im Flur, nahm mich in den Arm und küsste mich. Bis heute wird mir heiß, wenn ich an diesen ersten Kuss denke! Das war der Beginn unserer Liebe, unserer Freundschaft. Wir kommen beide aus Kulturen, in denen Homosexuelle verfolgt werden, und unseren Familien haben wir von unserer Beziehung zunächst nichts erzählt. Nach dem Studium sind wir nach Berlin gezogen und haben hier unser eigenes Unternehmen aufgebaut.

Meine Mutter hat immer noch versucht, für mich ein nettes jüdisches Mädchen zu finden und irgendwann hat mein Vater mich dann zur Rede gestellt. Mein familiäres Coming out war dann tränenreich, aber auch komisch. Als ich meinen Eltern von Omar erzählt habe, meinte mein Vater „Na schwul allein reicht dir wohl nicht, da muss es auch noch ein Araber sein!“. Heulend und lachend haben wir uns zu dritt in den Armen gelegen. Meine Eltern haben dann gemeint, sie hätten schon immer geahnt, dass ich anders sei und irgendwie schienen sie auch erleichtert, mit der „Brautsuche“ aufhören zu können. Omars Familie weiß bis heute nichts von unserer Beziehung, zumindest nicht offiziell. Ich werde als sein Geschäftspartner respektiert, unsere Firma läuft gut und seine Verwandten stellen keine Fragen.

Unsere große Krise hatten wir vor zwei Jahren. Omar wollte unsere Firma verkaufen, wir hatten ein sehr gutes Angebot und er hatte den Traum, auszusteigen. Ein Jahr um die Welt segeln, nicht mehr arbeiten, irgendwo in einem sonnigen Paradies ein Haus kaufen und dann nur noch das Leben genießen. Ich fand diese Idee absurd. Mir wird schon nach einer Woche Urlaub langweilig und ich hatte überhaupt keine Lust, wie ein Pensionär zu leben. Zum ersten Mal haben wir erlebt, dass unsere Auseinandersetzungen unversöhnlich wurden, wir hatten beide den Eindruck, dass wir keinen Kompromiss finden würden. Es ging so weit, dass wir einander absurde rassistische Vorwürfe gemacht haben. Er wurde zum „faulen Araber“ und ich zum „geldgeilen Juden, der nie genug hat“. Es war die Hölle!

Als ich wegen Panikattacken, die ich für Herzinfarkte hielt, mehrfach in die Notaufnahme kam, überwies mein Hausarzt mich in eine psychosomatische Klinik. Dort war ich sechs Wochen und in der Zeit wollte ich Omar nicht sehen. Der Verkauf der Firma wurde auf Eis gelegt, ich konnte meine Einwilligung dazu nicht geben. Nach der Entlassung aus der Klinik nahmen wir uns eine Auszeit, eine Person, die die Geschäfte vertretungshalber führen konnte, hatten wir zum Glück gefunden. Und dann begann die ganze schmerzliche Aufarbeitung und die Verhandlungen. Mit endlosen Diskussionen, aber auch mit großer Ehrlichkeit.

Es ging um unsere Zukunft, um unsere Liebe, aber auch um unsere Firma. Wir wussten, es würde keine perfekte Lösung geben, dazu waren unsere Vorstellungen zu unterschiedlich. Es gab aber auch den festen Willen, alles zu probieren, um unsere Beziehung zu retten. Und wir waren beide bereit, etwas dafür zu opfern. Zum Schluss sah unsere „Lösung“ so aus: Omar stieg zunächst einmal für ein Jahr aus, die Weltumsegelung machte er allein. Danach stieg er wieder ein, und wir vereinbarten eine zehnjährige Frist, in der ich mich langsam aus dem operativen Geschäft zurückziehen werde. Omar nimmt schon jetzt immer wieder längere Auszeiten, und ich kann gut damit leben, dass er dann abtaucht (buchstäblich). Bei allen Vor- und Nachteilen, die unsere Situation jetzt hat, sind wir wieder zufrieden. Es hat sich gelohnt, auch wenn es sehr hart war.“