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Paar- und Sexualtherapie: Let’s talk about…porn!

Artikel von Julia Bellabarba in der Zeitschrift Separée Nr 07/2015

In der Paar- und Sexualtherapie wird, wen wundert’s, über Sex gesprochen. Über sexuelle Phantasien, Wünsche und Neigungen. Über Lust und Langeweile. Und auch über Pornos.

Durch Pornos werden in eine sexuelle Beziehung (mehr oder weniger offensiv) „Mitspieler“ eingeladen. Dass kann Spaß machen, für Abwechslung sorgen und die Sexualität bereichern. Aber auch Unsicherheit, Angst oder Zweifel auslösen.   Frauen fragen sich „Warum guckt mein Mann das heimlich?“ Oder: „Warum will mein Mann Pornos mit mir zusammen gucken?“ Männer fragen sich „Warum ist sie eifersüchtig? Das sind doch bloß Pornos.“ Manchmal wünschen sich Frauen mehr Abwechslung im Bett, haben aber Angst, für „versaut“ gehalten zu werden, wenn sie ihrem Partner gemeinsames Pornogucken vorschlagen. Und schließlich finden manche Frauen die Pornopräferenz ihrer Partner so abstoßend, dass sie an der Tragfähigkeit ihrer Partnerschaft zweifeln.

Bei Pornokrisen, wenn Pornokonsum in der Partnerschaft ein Problem darstellt (und das muss natürlich nicht zwangsläufig so sein), überlege ich mit dem Paar gemeinsam: was ist das Thema, die Sehnsucht, die Botschaft hinter dem Konflikt? Wofür steht grade dieses Thema in ihrer Beziehung, und welche sexuelle Dynamik wird dadurch in Gang gesetzt (oder eben verhindert)? Anders als die eher schlichte Botschaft, die viele Pornos vermittelt (rein-raus-ooh-spritz!), kann diese Auseinandersetzung komplexe Einsichten in die Inszenierungen sexuellen Begehrens in einer Partnerschaft gewähren. Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen kann auch noch weiter gehen und auf Themen verweisen, die mit der gelebten Sexualität vordergründig nicht in Verbindung zu scheinen stehen.

Anita und Arno, beide Mitte 40, kommen in meine Praxis weil sie kurz vor der Trennung stehen. Sie wollen versuchen, ihre Ehe zu retten. Sie sind seit vierzehn Jahre ein Paar und kinderlos. Arno hat seinen stressigen Job gekündigt und überlegt, sich beruflich noch mal neu zu orientieren. Ihre sehr heftigen Auseinandersetzungen drehen sich um seinen Pornokonsum. Sie findet es „völlig daneben“ und ist empört. Er meint „das ist doch überhaupt nicht schlimm, ich betrüge sie ja nicht“ und findet sie ganz schön kleinlich, denn: „das könnte sie mir ruhig gönnen“.

Wie immer in der Paartherapie, geht es auch hier um Annahmen, um Vorurteile und Ideen, mit denen Partner ihre Beziehung gestalten. Und im Zusammenhang mit Pornos sind die unterschiedlichen weiblichen und männlichen Konzepte besonders interessant. Grob verallgemeinert: Frauen gucken Pornos und masturbieren, wenn es ihnen gut geht, wenn sie sich besonders stark und sexy fühlen. Gewissermaßen als Ausdruck eines (mehr oder weniger stabilen) positiven erotischen Lebensgefühls. Bei Männern ist es tendenziell eher so, dass Pornokonsum als Kompensation für negative Gefühle eingesetzt wird. Wenn Männer ein diffuses Gefühle von „mies drauf sein“ wahrnehmen, dann bringen Pornokonsum und Masturbation Ablenkung, Spannungsabfuhr und bessere Laune. Das belegen Studien zur Motivation für ein „normales“ (also nicht süchtiges) Pornokonsumverhalten von Männern und Frauen.

In den Gesprächen mit Arno und Anita wurde deutlich, dass hinter Anitas Empörung ein anderes Thema als Sex lag. Ihr Vorwurf lautete „wie kann er sich’s gut gehen lassen, während ich schuften muss, um das ganze Geld zu verdienen?“ Für sie waren Pornos ein Ausdruck von Lebenslust, Arno hingegen war über seinen Ausstieg aus dem Berufsleben viel stärker verunsichert, als sie ahnte. Er stellte Fragen wie „findet sie mich überhaupt noch sexy, wenn ich zuhause bin?“ und, nicht zuletzt, „welche Unterstützung bekomme ich von meiner Partnerin, wenn ich mich leer und unsicher fühle?“

Wenn Paare merken, dass ihnen das Thema Pornographie mehr Frust als Lust bereitet, kann es lohnen, gemeinsam zu überlegen, worüber sie wirklich reden, wenn sie über Pornos reden. Denn: bei Pornokonflikten oder Pornokrisen in der Partnerschaft geht es meistens gar nicht um Pornos. Manchmal geht es noch nicht mal um Sex.